Indiens Premierminister bittet Bevölkerung um Verzicht
Indiens Premierminister Narendra Modi hat in einer landesweiten Ansprache die Bevölkerung dazu aufgerufen, für die Dauer von mindestens einem Jahr auf den Kauf von Gold zu verzichten. Dies berichtete die Nachrichtenplattform „News18“ unter Berufung auf Regierungskreise. Der Appell sei Teil eines Maßnahmenpakets zur Stabilisierung der indischen Devisenreserven, die zuletzt unter Druck geraten sind. Neben Goldkäufen sollen die Bürger auch unnötige Auslandsreisen vermeiden und bei Benzin sowie Diesel sparen.
Hintergrund der Aufforderung ist die wachsende Belastung der indischen Handelsbilanz durch massive Goldimporte. Indien ist der zweitgrößte Goldkonsument der Welt nach China. Jährlich werden zwischen 700 und 800 Tonnen Gold nachgefragt – vor allem für Schmuck, als Wertanlage und zu kulturellen Anlässen wie Hochzeiten. Die eigene Förderung ist dagegen verschwindend gering: Mit nur ein bis zwei Tonnen pro Jahr deckt Indien weniger als 0,3 Prozent des eigenen Bedarfs. Die restlichen über 99 Prozent müssen importiert werden.
Rekordimporte im Fiskaljahr 2025/26
Die Goldimporte erreichten im Fiskaljahr 2025/26 (Ende März) einen Rekordwert von 72 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einem Anstieg um 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gold macht inzwischen rund neun Prozent der gesamten indischen Importe aus und liegt damit hinter Rohöl an zweiter Stelle der wichtigsten Importgüter. Die steigenden Goldpreise auf dem Weltmarkt haben diesen Trend noch verstärkt. Im Jahresverlauf kletterte der Goldpreis zeitweise auf über 7.500 US-Dollar pro Feinunze, angetrieben durch geopolitische Unsicherheiten, Inflationsängste und die lockere Geldpolitik vieler Zentralbanken.
Für Indien bedeutet dies eine enorme Devisenbelastung. Die Devisenreserven des Landes – die nach China zu den größten der Welt zählen – gingen zuletzt spürbar zurück. Allein innerhalb einer Woche fielen sie um rund 7,8 Milliarden US-Dollar auf 690,7 Milliarden US-Dollar. Zwar ist dieser Bestand immer noch komfortabel, doch der Abwärtstrend gibt Anlass zur Sorge. Steigende Energiepreise und Störungen in den globalen Lieferketten setzen die Rupie zusätzlich unter Druck. Eine schwächere Währung verteuert wiederum die Goldimporte, was die Abwärtsspirale weiter antreibt.
Kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung von Gold in Indien
Gold hat in Indien eine jahrtausendealte Tradition. Es gilt nicht nur als Symbol für Reichtum und Reinheit, sondern auch als sichere Anlageform, insbesondere in ländlichen Regionen ohne Zugang zu Banken. Rund 60 Prozent des indischen Goldes werden von privaten Haushalten gehalten. Die Besitzer betrachten es als „Notgroschen“ für Krisenzeiten oder als Mitgift bei Hochzeiten. Ein Verzicht auf Goldkäufe trifft daher empfindlich die kulturellen Gewohnheiten. Modi selbst betonte in seiner Rede, dass es sich um eine vorübergehende Maßnahme handle, die dem nationalen Interesse diene. Er appellierte an den Patriotismus der Bürger: „Jede Rupie, die wir für importiertes Gold ausgeben, schwächt unsere Devisenreserven und gefährdet unsere wirtschaftliche Stabilität.“
Die Regierung versucht schon seit Jahren, die Goldnachfrage zu dämpfen. Bereits 2022 wurde die Einfuhrsteuer auf Gold von 10,75 auf 15 Prozent erhöht. Gleichzeitig fördert Neu-Delhi den Kauf von Gold über offizielle Kanäle, um Schmuggel einzudämmen. Dennoch ist der Goldkonsum stetig gewachsen, beflügelt durch steigende Einkommen und die anhaltende Inflation. Viele Inder sehen in Gold einen besseren Inflationsschutz als in Bankeinlagen oder Aktien, deren reale Renditen oft negativ sind.
Jüngste Entwicklung der Goldimporte
Obwohl die Importe im Gesamtjahr einen Rekord aufwiesen, zeigen die monatlichen Zahlen zuletzt eine deutliche Abkühlung. Im Januar 2026 importierte Indien noch fast 100 Tonnen Gold. Im März war die Menge bereits auf 20 bis 22 Tonnen geschrumpft. Für April werden lediglich etwa 15 Tonnen erwartet – einer der niedrigsten Monatswerte seit fast drei Jahrzehnten, abgesehen von der Corona-Pandemie. Dieser Rückgang ist teilweise auf die hohen Preise zurückzuführen, die viele Käufer abschrecken. Auch die verstärkte Nachfrage nach alternativen Anlagen wie Aktien und Kryptowährungen könnte eine Rolle spielen. Zudem hat die indische Regierung Maßnahmen ergriffen, um die Goldimporte zu erschweren, etwa durch strengere Dokumentationspflichten.
Der Rückgang der Importe entlastet die Devisenreserven kurzfristig, doch die Frage ist, wie nachhaltig dieser Effekt ist. Sollte der Goldpreis fallen oder die indische Wirtschaft wieder stärker wachsen, könnte die Nachfrage schnell wieder anziehen. Experten der indischen Notenbank warnen, dass eine dauerhafte Reduzierung der Goldnachfrage nur durch strukturelle Reformen erreicht werden könne. Dazu gehören der Ausbau des formalen Finanzsektors, die Förderung von Goldanleihen und die Verbesserung der Investmentmöglichkeiten inländischer Produkte.
Geopolitische Spannungen und ihre Auswirkungen
Der Zeitpunkt von Modis Appell ist kein Zufall. Die globalen Spannungen haben sich zuletzt verschärft. Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, die Unsicherheiten im Nahen Osten und die zunehmende Rivalität zwischen den USA und China haben die Rohstoffpreise in die Höhe getrieben. Indien importiert rund 80 Prozent seines Rohöls – steigende Ölpreise belasten die Handelsbilanz zusätzlich. Gleichzeitig sind die Lieferketten für wichtige Güter wie Halbleiter und Düngemittel gestört, was die Produktion in Schlüsselindustrien behindert. All dies erhöht den Druck auf die Rupie und die Devisenreserven.
Indiens Goldpolitik ist daher Teil einer umfassenderen Strategie zur Sicherung der wirtschaftlichen Souveränität. Die Regierung bemüht sich um Handelsabkommen mit wichtigen Lieferländern, fördert die heimische Produktion von Ersatzgütern und versucht, den Tourismus zu stärken, um Deviseneinnahmen zu generieren. Der Appell zum Goldverzicht ist ein Hebel, der auf die psychologische Wirkung setzt: Wenn Millionen von Indern auf Goldkäufe verzichten, summiert sich das zu einem erheblichen Rückgang der Importe. Schätzungen zufolge könnte ein einjähriger Verzicht die Importe um 20 bis 30 Milliarden US-Dollar senken – ein Betrag, der die Devisenreserven spürbar stabilisieren würde.
Vergleich mit anderen Ländern
Indien ist nicht das einzige Land, das versucht, den Goldkonsum zu bremsen. Auch China, der größte Goldproduzent und -konsument, hat wiederholt Maßnahmen ergriffen, um den Goldhandel zu regulieren. Allerdings sind solche Appelle in einer Demokratie wie Indien schwieriger durchzusetzen. Während autoritäre Regime schnell Verbote verhängen können, ist die indische Regierung auf Freiwilligkeit angewiesen. Dennoch zeigt die Wirkung des aktuellen Appells: Die Goldimporte sind bereits gesunken, und viele Händler berichten von einer verhaltenen Nachfrage. Ob dies von Dauer sein wird, hängt auch davon ab, ob die Bürger bereit sind, auf ihr traditionelles Sicherheitsnetz zu verzichten.
Einige Ökonomen kritisieren den Appell als symptomatische Behandlung. Sie weisen darauf hin, dass das eigentliche Problem die schwache Exportbasis Indiens sei. Solange Indien mehr importiert als exportiert, werden die Devisenreserven unter Druck bleiben. Gold sei nur ein Teil des Problems. Die Regierung müsse vielmehr die Wettbewerbsfähigkeit der indischen Industrie verbessern, um die Handelsbilanz nachhaltig zu stärken. Andere verweisen auf die Notwendigkeit, die inländische Goldproduktion durch neue Minenprojekte und Recycling zu steigern. Bislang ist die heimische Förderung marginal, obwohl Indien über beträchtliche Goldvorkommen in den Bundesstaaten Karnataka, Andhra Pradesh und Jharkhand verfügt.
Die nächsten Monate werden zeigen, ob Modis Appell nachhaltige Wirkung entfaltet. Sollten die Goldimporte weiterhin auf dem niedrigen Niveau bleiben, könnte Indien seine Devisenreserven stabilisieren und die Rupie stützen. Ein langfristiger Verzicht auf Gold ist jedoch kaum vorstellbar, solange Gold eine so tiefe kulturelle und wirtschaftliche Rolle im Land spielt. Vielleicht wäre ein sinnvollerer Ansatz, die Bürger zu ermutigen, Gold in digitaler Form zu halten – etwa über Gold-ETCs –, die keinen Importdruck erzeugen. Solche alternativen Anlageformen gewinnen in Indien langsam an Popularität, aber der traditionelle physische Goldkauf dominiert noch immer. Die indische Regierung steht vor der Herausforderung, den Spagat zwischen kulturellen Traditionen und ökonomischer Vernunft zu meistern. Der Appell von Premierminister Modi ist ein erster Schritt in diese Richtung, aber weitere strukturelle Maßnahmen werden nötig sein, um die Abhängigkeit von Goldimporten nachhaltig zu reduzieren.
Source: www.fondsprofessionell.at News