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Kendrick Lamar zwischen Genie und Demut: Der King of Rap im ME-Helden-Feature

May 30, 2026  Twila Rosenbaum  5 views
Kendrick Lamar zwischen Genie und Demut: Der King of Rap im ME-Helden-Feature

Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Der Spruch von Richard Precht passt am besten auf den größten Rapper der Gegenwart: Kendrick Lamar. Widersprüchlich, bescheiden, größenwahnsinnig und vor allem – unfassbar talentiert. Wir werfen einen Blick auf eine Karriere, die es fast nicht gegeben hätte.

Nicht unser Retter

Will er der Heilsbringer des HipHop sein? Will er ein Star sein? Will er eigentlich nur in einem Loch verschwinden und vor sich hin rappen? Es gibt im Pop aktuell wahrscheinlich keine so widersprüchliche Figur wie Kendrick Lamar, der vor kurzem erst – Ende November 2024 – völlig überraschend sein sechstes Album, GNX, veröffentlicht hat. Er sucht die großen Bühnen und zieht sich radikal aus der Öffentlichkeit zurück. Er tritt auf Plattencovern und auf Konzerten auf wie eine Jesusfigur und rappt gleichzeitig „I’m not your savior“. Er spricht von innerer Ruhe, lädt Lebensratgeber-Gurus auf seine Alben ein und hat trotzdem den größten HipHop-Beef der Gegenwart angezettelt – und gibt keine Ruhe, bis sein Gegner aufgegeben hat.

King Kenny, K.dot, Oklama, Kung-Fu Kenny, Cornrow Kenny, oder einfach Kendrick Lamar, geboren als Kendrick Lamar Duckworth am 17. Juni 1987 in Compton. Aufgewachsen ist Lamar also am Ground Zero kalifornischer HipHop-Geschichte. Seine Kindheit ist die, aus der Rap-Albträume gestrickt werden: Die Eltern sind Migranten aus Chicago, der Vater mit der Gang Gangster Disciples verbandelt. Sie leben in Sozialwohnungen und erleben Wohnungslosigkeit. Der kleine Kendrick erlebt die Unruhen 1992 hautnah. Er ist erst fünf, als er das erste Mal Zeuge eines Mordes wird, mit acht der nächste. Seine Eltern nennen ihn „Man-Man“, weil er schon als kleiner Junge erwachsen tun muss. Kendrick Lamar thematisiert seine Jugend immer wieder – in Interviews und vor allem in seinen Songs. Schreiben wird sein Werkzeug, um mit der Welt klarzukommen. Schon in der ersten Klasse kann er komplizierte Wörter richtig benutzen. Seine Grundschullehrerin sagt, er solle schreiben. Ein anderer bringt ihm Lyrik nahe – eine Deeskalationsstrategie für aufgeheizte Stimmung an der Schule. Von Poesie ist es nur ein kleiner Sprung zu Rap-Lyrics. Er schreibt und hört nicht auf.

Sein Karriereweg ist klar: Er wird Rapper – falls er es schafft, nicht in den Knast zu kommen und zu überleben. Sein Vater, selbst einst Gang-Affiliate, setzt dem Ganzen ein Ende. Kenny Junior liebt den Daddy, teilt mit ihm die Liebe zu Tupac. Gleichzeitig erlebt er den Tod eines Freundes und wird zum Christen. In Compton spricht es sich herum: Da gibt es einen Typen, der sich K.Dot nennt und unfassbar gut rappen kann. Dave Free kommt aus Inglewood, um ihn zu sehen. Sie werden Freunde, lieben HipHop und die gleichen Serien. Dave Free wird K.Dots Hypeman, sie nehmen Musik im selbstgebauten Studio seines Bruders auf. Lamar releast seine ersten Mixtapes, schließt die Schule als Einserschüler ab. Einen kurzen Moment überlegt er, Psychologie zu studieren, aber die Musik läuft: Free hat eines seiner Mixtapes dem Produzenten Anthony „Top Dawg“ Tiffith vorgespielt, der gerade ein Label gründet. Lamar lädt ein, vorzusprechen – er freestyled zwei Stunden am Stück. Danach hat er seinen Plattenvertrag und einen Anteil am neu gegründeten Label: Top Dawg Entertainment, kurz TDE.

TDE ist wie eine Familie. Tiffith baut ein Aufnahmestudio, das „House of Pain“. Kendrick Lamar, Jay Rock, Ab-Soul und Schoolboy Q gründen die Supergroup „Black Hippy“. Ein gemeinsames Album bleibt immer geplant, kommt aber nie. Lamar kooperiert mit Def Jam, ist als Rookie auf zwei Tracks von The Game zu hören. Mit Def Jam klappt es nicht – bei einem Treffen mit Jay-Z geht etwas schief. „Ich war nicht ready“, sagt Kendrick später. Er releast Mixtapes und entscheidet sich 2009, seinen Künstlernamen K.Dot abzulegen. Realer werden, wahrhaftiger – das zeigt sich in seiner ersten EP überhaupt und der ersten als Kendrick Lamar. Die heißt direkt auch so und zeigt einen in Gedanken versunkenen, lesenden jungen Mann. Inhaltlich wird es melancholisch und zeigt, wohin die Reise geht: „She listening to Drake / And all I can say / Is damn, these niggas that much better than me, baby?“. Aber bis zum monumentalen Beef mit Drake 2024 ist es noch lange hin. Noch ist Kendrick bestenfalls ein Untergrundhype. Aber einer, der mit seinem nächsten Release ein Jahr später die Aufmerksamkeit von Dr. Dre auf sich zieht. Snoop Dogg und Dre sind begeistert. Kendrick wird 2011 in die legendäre „Freshman Class“ des HipHop-Magazins „XXL“ aufgenommen – eine sichere Voraussage für eine steile Karriere. Später deutet er an, dass er in den Anfangstagen auch als Ghostwriter unterwegs war – wer, verrät der Honor Code nicht. Aber es hilft, sich einen Namen zu machen.

Und es geht steil: Sein Debüt SECTION.80 erscheint im Juli 2011, benannt nach dem Sozialwohnungsprogramm „Section 8“. Conscious Rap, jazzinspirierte Produktion, ein Mix aus Gesellschaftskritik und Massentauglichkeit – hier wurde Kendrick Lamar zu Kendrick Lamar. Die breite Öffentlichkeit nahm kaum Notiz, in die Charts kam das Album trotzdem auf Platz 113. Aber die HipHop-Szene horchte auf: Snoop, Dre und The Game nennen Kendrick bei einem gemeinsamen Konzert den „neuen König der Westcoast“ – symbolische Fackelübergabe. Auf der Bühne steht heulend, umgeben von seinen Vorbildern, ein 24-jähriger Kendrick. Was macht man, wenn so viel Hoffnung in einen gesteckt wird? Natürlich die Welle reiten: Features mit allen großen Namen, unter anderem mit Drake, mit dem er Anfang 2012 sogar als Support auf Tour geht. Seine Worte von drei Jahren zuvor sind egal. Er steckt knietief in den Aufnahmen zu dem Album, das alles ändern soll: GOOD KID, M.A.A.D CITY, Oktober 2012. Plötzlich hören auch die Tageszeitungen zu – wer ist dieser Typ, der mit einem Song über Alkoholsucht, „Swimming Pools (Drank)“, in die Charts kommt? Für den Dr. Dre eine Pause von seinem Kopfhörerbusiness nimmt und als ausführender Produzent den Sound bestimmt? Der auf einem Konzeptalbum Gangster Rap, Witz und Sozialkritik und fast filmische Atmosphäre zusammenbringt? Auf GOOD KID, M.A.A.D CITY erzählt er von sich selbst, von der Zeit, die damals seinen Vater zu einer Intervention zwang, vom Fast-Abrutschen, vom Versuch, es rauszuschaffen. Keine Lebensrealität, die die meisten Feuilletonisten kennen, aber das Album zieht sie alle hypnotisch in seinen Bann – mit den Erzählungen aus Compton, mit den verschiedenen Figuren, mit einer Erzählweise, die irgendwie an James Joyce erinnert, aber im HipHop-Outfit. Bis heute wabert es durch die Albencharts. Er hat einen Ruf weg: der HipHop-Messias.

Es regnet Preise und Karriereoptionen: Tour mit Steve Aoki, mit Eminem, mit Kanye (die sein Management verhindern wollte), Features mit Asap Rocky, Imagine Dragons, Lonely Island und Adam Levine, Robin Thicke und 2Chainz. „GQ“ ernannte ihn zum „Man of the Year“. Bei den Grammys wird das Album ignoriert – der Gewinner Macklemore entschuldigt sich privat und öffentlich bei Lamar. Ein Kurzfilm, basierend auf dem Album, hat seine Premiere auf dem Sundance-Filmfestival. Aber während all dem muss er mit dem Tod von drei alten Freunden klarkommen. Die ganze Musikwelt huldigt ihm, er hat währenddessen Depressionen und Suizidgedanken. Das Ergebnis: TO PIMP A BUTTERFLY, 2015. Kein GOOD KID, M.A.A.D CITY 2. Sondern ein neuer Sound – eine Feier afroamerikanischer Musiktraditionen, Free Jazz, Funk, Soul. Es geht nicht mehr ausschließlich um sein persönliches Erleben, sondern um die Realitäten afroamerikanischer Existenz, um Emanzipation, Empowerment. Der Schmetterling wird zum Soundtrack für Black Lives Matter – „we gon’ be alright“.

Aber auch er selbst ist alright, zumindest für den Moment: Verlobung mit seinem Highschool Sweetheart Whitney, der erste Mainstream-Hit mit Taylor Swifts „Bad Blood“, später die Krönung als Sidekick von Beyoncé zu „Freedom“. 2017 dann DAMN – Einflüsse aus R’n’B, Pop, Trap schaffen einen Neo-Oldschool Sound. Thematisch geht es hinab in die Tiefe von Depressionen, Lust und KFC. Der Geschichtenerzähler läuft zu Bestform auf – was prompt zu einem Pulitzerpreis führt, dem ersten für einen Rapper und ein Rapalbum. Unreal. Unreal auch weiterhin die Erwartungen. Er kuratiert ein Album zum Film „Black Panther“ – es wird zum beliebtesten HipHop-Release des Jahres gekürt. Aber danach ist erst einmal Schluss: Vier Jahre Pause. Kind bekommen. Eine eigene Agentur mit Dave Free gründen. Hier und da ein Feature. Ansonsten Stille.

2021 kündigt er an, das letzte Mal unter TDE ein Album zu veröffentlichen. Ende einer Ära. Und so fühlt sich MR. MORALE & THE BIG STEPPERS von 2022 auch an: Ein expansives Doppelalbum, so vulnerabel, wie man es selten auf der großen Bühne hört. Es geht um Therapie, Sucht, sexualisierte Gewalt, intergenerationales Trauma, Heilung und inneren Frieden. Und darum, dass er sich nicht wohlfühlt in der Rolle des Heilsbringers. Nein, er ist nicht Jesus. Er ist ein fehlbarer Mann aus Compton. Peace, Love und Demut. Und trotzdem schwebt er bei Liveshows über dem Publikum, spielt mit religiösen Ästhetiken. Widersprüche? Bitte doch. Gesellschaftskritische Bars, politischer Aktivismus und Werbekampagnen für Calvin Klein, Converse, Chanel. Peace, Love und Therapie – und 2024 dann der größte Beef der Musikgeschichte seit Tupac vs. Biggie. Ein lausiges Spektakel, in dem es unter jede Gürtellinie geht, Kinder und Partner werden hineingezogen, Kendrick insinuiert, dass Drake pädosexuelle Tendenzen hätte.

Aber weil 2024 ein Trip ist, schadet es ihm nicht. Im Gegenteil: „Not Like Us“ wird zu einem Überhit, der Kendrick sogar als Soundtrack zur Nominierung Kamala Harris’ dient. Muss man das verstehen? Nein. Aber sieht man das Video zum Song und Aufzeichnungen von Lamars Konzert in Los Angeles zum afroamerikanischen Feiertag Juneteenth, wird klar: Es geht um mehr als Drake. Es geht um afroamerikanische Kultur, die Westcoast, Stolz, Empowerment, Aufstieg und Überleben. Mit dem überraschenden Album GNX, das Lamar Mitte November veröffentlicht, geht es auch immer wieder um den Beef. Aber auch um übergeordnete Fragen nach dem Zustand der HipHop-Industrie, um Realness, um Wut. Und darum, dass er zwar nicht unser Retter sein will, aber die Stimme von Gott einnehmen? Das schon. Kendrick Lamar bleibt kompliziert. Und das ist das Beste, was uns allen passieren kann.


Source: Musikexpress News


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