Spätestens seit dem vergangenen Jahr läuft Sha'Carri Richardson allen davon. Zunächst bei den Leichtathletikmeisterschaften in den USA, als sie sich in 10,82 Sekunden zur schnellsten Frau der Vereinigten Staaten krönte. Und kurz darauf auch bei der Weltmeisterschaft in Budapest. In 10,65 Sekunden rannte Richardson da die 100 Meter, schneller als je zuvor eine Frau bei einer Weltmeisterschaft. Wenn am Samstagabend um 21.20 Uhr im Stade de France das olympische Finale über 100 Meter beginnt, wird sie die Favoritin sein.
Für Sha'Carri Richardson ist dieser erste olympische Finallauf, dieses Rennen um Gold, eines, das sie schon längst hätte bestreiten sollen. Die 24-jährige Sprinterin hat einen steinigen Weg hinter sich, der von Höhenflügen, aber auch von tiefen Rückschlägen geprägt ist. Ihr Talent war schon früh unübersehbar: Bereits als Teenager stellte sie Rekorde auf und galt als kommender Superstar der US-Leichtathletik. 2019 gewann sie die NCAA-Meisterschaften für die Louisiana State University und kündigte mit einer Zeit von 10,75 Sekunden auf 100 Metern ihre Ankunft in der Weltspitze an.
Der große Bruch in ihrer Karriere ereignete sich im Sommer 2021. Eigentlich hatte sich Richardson bei den US-Olympiaausscheidungen mit einer beeindruckenden 10,86 Sekunden für die Spiele in Tokio qualifiziert. Doch nur wenige Tage später sorgte eine positive Dopingprobe für Aufsehen. In ihrem Urin wurde Tetrahydrocannabinol (THC), der Wirkstoff von Marihuana, nachgewiesen. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und die US-Anti-Doping-Agentur (USADA) stuften Cannabis als verbotene Substanz ein, und Richardson wurde für einen Monat gesperrt – was bedeutete, dass sie nicht in Tokio starten durfte. Die Sperre sorgte weltweit für Diskussionen: Viele Athleten und Experten hielten das Verbot für überholt und kritisierten die fehlende Flexibilität der Regeln. Richardson selbst erklärte, sie habe Cannabis zur Bewältigung des Todes ihrer leiblichen Mutter konsumiert – ein emotionaler Schock, der sie aus der Bahn geworfen hatte.
Der öffentliche Druck auf die US-Anti-Doping-Behörde war enorm, doch die Regeln blieben bestehen. Richardson wurde stellvertretend für die Debatte um die Legalisierung von Marihuana im Spitzensport. Sie verpasste nicht nur die Olympischen Spiele, sondern auch jegliche Aufmerksamkeit, die ein Podium dort mit sich gebracht hätte. Stattdessen sah sie ihre Konkurrentinnen im Fernsehen um Gold laufen – ein Bild, das sie nicht vergessen wird. „Ich bin enttäuscht, aber ich werde stärker zurückkommen“, sagte sie damals. Und sie sollte Wort halten.
Nach der Sperre und einem Jahr mit persönlichen Krisen und medialer Kritik fand Richardson im Jahr 2022 zurück zu alter Stärke. Sie trainierte mit neuen Trainern, überarbeitete ihre Lauftechnik und konzentrierte sich voll auf die Saison 2023. Das Ziel: die Weltmeisterschaft in Budapest. Bei den US-Meisterschaften im Juli 2023 in Eugene, Oregon, setzte sie ein erstes Ausrufezeichen. Mit einer Zeit von 10,82 Sekunden holte sie sich den nationalen Titel und sicherte sich das Ticket für die WM. In Budapest angekommen, zeigte sie sich in bestechender Form. Im Halbfinale lief sie 10,79 Sekunden, im Finale dann die legendären 10,65 Sekunden – eine Zeit, die so schnell war, dass sie sogar die frühere Weltrekordhalterin Florence Griffith-Joyner übertroffen hätte, wenn die Windunterstützung nicht zu stark gewesen wäre. Sie war die neue Weltmeisterin, und ihre Rivalinnen – allen voran Shericka Jackson und Shelly-Ann Fraser-Pryce aus Jamaika – mussten sich geschlagen geben.
Der Erfolg in Budapest veränderte die Wahrnehmung von Sha'Carri Richardson schlagartig. War sie zuvor als talentierte, aber unberechenbare Außenseiterin gesehen worden, war sie nun die unbestrittene Nummer eins der Welt. Ihre auffälligen, oft extravaganten Haare, ihr selbstbewusstes Auftreten und ihre offene Art machten sie zu einer der markantesten Persönlichkeiten der Leichtathletik. Sponsoring-Verträge wurden abgeschlossen, Medieninterviews vervielfachten sich. Richardson genoss den Ruhm, aber sie ließ sich nicht davon ablenken: „Das ist erst der Anfang. Mein Ziel ist Olympia-Gold, und das werde ich holen.“
Das olympische 100-Meter-Rennen in Paris wird daher unter besonderen Vorzeichen stehen. Richardson trifft auf eine hochkarätige Konkurrenz. Die Jamaikanerin Shericka Jackson, die in Budapest auf den 200 Metern Weltmeisterin wurde und auf der 100-Meter-Distanz zweimal hinter Richardson lag, dürfte erneut stark sein. Auch die erfahrene Shelly-Ann Fraser-Pryce, die mit 37 Jahren bereits drei olympische Goldmedaillen über 100 Meter gewonnen hat, darf nicht unterschätzt werden. Hinzu kommen die US-Amerikanerin Teahna Daniels und die Britin Dina Asher-Smith, die jeweils auf eine Medaille hoffen. Doch alle müssen sich der aktuellen Form von Richardson stellen: In der diesjährigen Diamond-League-Serie lief sie bereits zweimal unter 10,80 Sekunden und zeigte sich technisch und mental stabiler als je zuvor. Ihre Starts sind explosiver geworden, der Antritt in den ersten 20 Metern gehört zu den besten der Welt. Auch der Endspurt, traditionell ihre Schwäche, hat sich verbessert. Trainerin (und ehemalige Spitzensprinterin) Shelly-Ann Fraser-Pryce? Nein, Richardson arbeitet mit dem US-Experten John Smith und dem Biomechaniker Andreas Behm zusammen, die ihren Laufstil weiter verfeinert haben.
Die Vorfreude auf das Finale ist riesig. Es wird das erste olympische 100-Meter-Finale sein, das Sha'Carri Richardson bestreitet – verspätet, aber deshalb nicht minder bedeutungsvoll. Die Geschichte ihrer Sperre hat sie zu einer Symbolfigur für Widerstandskraft und zweite Chancen gemacht. In einer Zeit, in der die Diskussion um Dopingregeln und die Legalisierung von Cannabis immer lauter wird, steht sie für eine neue Generation von Athleten, die sich nicht mehr in starre Strukturen pressen lassen. Richardson selbst betont immer wieder: „Ich bin nicht perfekt, aber ich bin echt. Und ich will zeigen, dass man nach einem Fehler wieder aufstehen kann.“ Diese Botschaft kommt an – vor allem bei jungen Fans, die ihre Authentizität schätzen.
Die Bühne in Paris ist bereit. Das Stade de France wird am Samstagabend mit 80.000 Zuschauern gefüllt sein, viele von ihnen werden die US-Flagge schwenken. Richardson wird in ihrem typischen Outfit starten: helle, auffällige Laufkleidung, ihr langes Haar zu Zöpfen geflochten, manchmal mit bunten Bändern verziert. Sie wird in die Blöcke gehen, die Spannung wird greifbar sein. Der Startschuss fällt, und für 10,6 Sekunden wird die Welt den Atem anhalten. Wenn Sha'Carri Richardson als Erste durchs Ziel läuft, wäre das nicht nur ein persönlicher Triumph, sondern auch ein symbolischer Sieg über die Hindernisse, die ihr in den Weg gelegt wurden.
Die Historie der US-amerikanischen Frauen auf der 100-Meter-Strecke ist glanzvoll: Namen wie Florence Griffith-Joyner, Gail Devers, Marion Jones und Carmelita Jeter haben Goldmedaillen gewonnen. Doch seit 1996 (Gail Devers) hat keine US-Sprinterin mehr olympisches Gold über 100 Meter geholt – eine Durststrecke, die Richardson nun beenden will. Ihr Erfolg wäre auch ein Signal an die US-Leichtathletik, die in den letzten Jahren oft von Doping-Skandalen und Führungsquerelen geschüttelt wurde. Ein Sieg der charismatischen Texanerin könnte dem Sport neuen Schwung verleihen und ein junges Publikum begeistern.
Abseits der Sprintstrecke engagiert sich Richardson für soziale Projekte. Sie unterstützt Organisationen, die sich für psychische Gesundheit von Athleten einsetzen, und spricht offen über den Druck im Leistungssport. In Interviews erzählt sie von ihren Ängsten und Zweifeln, aber auch von ihrer unerschütterlichen Überzeugung, dass harte Arbeit sich auszahlt. „Ich habe gelernt, dass man nicht immer perfekt sein muss. Wichtig ist, dass man sich immer wieder aufrichtet.“ Diese Einstellung macht sie für viele zu einem Vorbild, das weit über die Leichtathletik hinausreicht.
Die letzten Tage vor dem Finale sind für Richardson geprägt von Ruhe und Konzentration. Sie trainiert nicht mehr intensiv, sondern lockert die Muskeln, bespricht die taktische Marschroute mit ihrem Trainerteam und schlaf viel. Die Ernährung ist optimiert, der Schlafrhythmus angepasst. Die psychologische Betreuung durch einen Sportpsychologen hilft ihr, die Aufregung zu kanalisieren. Richardson weist jeden Gedanken an einen möglichen Misserfolg von sich: „Wenn du ein Rennen mit der Angst beginnst, eine Medaille zu verlieren, hast du schon verloren. Ich renne, um zu gewinnen.“
Mit diesen Worten im Ohr werden Millionen Zuschauer am Samstagabend gebannt auf die Bahn schauen. Das Rennen dauert nur wenige Sekunden, aber seine Bedeutung reicht weit darüber hinaus. Für Sha'Carri Richardson ist es die Erfüllung eines Traums, der ihr vor drei Jahren verwehrt blieb. Für den Sport ist es eine Sternstunde, in der eine der faszinierendsten Athletinnen der Gegenwart ihre Krönung erfahren könnte. Und für alle, die an zweite Chancen glauben, ist es der Beweis, dass der Weg manchmal steinig ist, aber das Ziel immer erreichbar bleibt – wenn man nur weitermacht.
Source: DIE ZEIT News